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Johanna
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Dokumentarische Fotografie x Forschung zu geschlechtergerechter Stadt x eigene Sorgeverantwortung

  • 8. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Mai


Ein Text über Überschneidungen, Verschränkungen und Unvereinbarkeit




Mein Alltag spannt sich zwischen unterschiedlichen Feldern auf. Hier auf meiner Website könnt ihr in meine fotografische Welt eintauchen. Und doch hängt das Feld meiner fotografischen Arbeit mit den anderen Teilen meines Alltags, also meiner Stelle, als wissenschaftliche Mitarbeiterin und meinem Muttersein zusammen.


Ich arbeite als selbstständige dokumentarische Fotografin, als Wissenschaftlerin auf einer Projektstelle, die zu Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit in neuen Quartieren am Stadtrand deutscher Großstädte forscht und versuche mich täglich persönlich an der Vereinbarkeit dieser Arbeitsbereiche und meiner eigenen Careverantwortung.


Ich shifte zwischen, Kamera, Laptop und Zeit mit meiner Familie. Das fühlt sich für mich manchmal ganz schön hin und her gerissen an und in anderen Momenten inspirieren sich meine Arbeitsfelder gegenseitig sehr. Deshalb arbeite ich daran sie, wo es geht, miteinander zu verknüpfen, Fragen, die sich mir stellen, in andere Arbeitsfelder mitzunehmen und so die Bereiche miteinander zu verschränken.


Vielleicht seid ihr in meinem Über-Mich-Text über den Begriff der Stadtforschung gestolpert, oder habt euch gefragt, was ich genau hinter meinem Forschungsthema „Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit in neuen Wohnquartieren am Stadtrand“ verbirgt. Deshalb zeichne ich in diesem Beitrag meine Arbeitsfelder nach und verdeutliche wie und wo sie sich überschneiden.




Worum gehts mir in der Fotografie:


Beim Fotografieren ist es mir wichtig, Alltägliches sichtbar zu machen. Ich möchte Familien möglichst ungestellt so zeigen wie ich sie auch erlebe, Care-Arbeit als solche benennen und Familie in allen Facetten und Hochs und Tiefs dokumentieren (das ist oft gar nicht so leicht, denn die meisten von uns haben irgendwann mal gelernt, dass die Tiefs lieber niemandem gezeigt werden sollten). Alle Facetten dürfen sein und ihnen steht aus meiner Sicht auch eine Sichtbarkeit zu.




Worum gehts mir in meiner Forschungsarbeit:


Im Rahmen des Forschungsprojekts geht es darum die (Un-)Vereinbarkeit von privater Care bzw. Sorgearbeit und Erwerbsarbeit in Bezug auf Stadt zu untersuchen: Wir betrachten das Thema in neugebauten Wohnquartieren am Rand deutscher Großstädte. Hierbei schauen meine Kolleginnen und ich sowohl auf den Planungs- und Entstehungsprozess von Stadt und Stadtrand, als auch auf den tatsächlichen Alltag der Menschen, die in diesen Gebieten wohnen und jeden Tag in ihren Familien Carearbeit leisten - und wie eben das mit Stadt und Raum zusammenhängt: Es geht uns einerseits darum zu verstehen ob und wie die Frage nach Vereinbarkeit von Seiten der Planung mitgedacht wird. Hierzu haben wir Planungsdokumente untersucht und mit den Planenden (Architekt*innen, Stadtplaner*innen und Personen aus der Verwaltung) dieser Quartiere gesprochen.



Andererseits beforschen wir den Wohnalltag in den Gebieten und sprechen mit Menschen mit Sorgeverantwortung über ihrem Alltag und über die Frage nach Vereinbarkeit. Ich gebe mal ein paar Beispiele in Form von Fragen damit etwas anschaulicher wird:


  • Es geht zum Beispiel um Alltagswege: wie lang sind sie?

  • Wie ist der Verkehr (Auto Radwege, Fußverkehr) organisiert?

  • Wie dicht müssen Kinder auf den Wegen zu Kindergarten und Schule begleitet werden und auf welche Hürden und Barrieren stoßen Mütter* und Sorgeverantwortliche auf ihren Alltagswegen?

  • Wie sind die Wohnungsgrundrisse und Zimmeraufteilungen in der Planung angelegt worden und wie werden sie tatsächlich bewohnt? Gibt es in den Mehrfamilienhäusern Räume gemeinschaftlicher Nutzung?

  • Wie sind sie geplant und ausgestattet?

  • Wer kümmert sich um sie und wie werden sie genutzt?

  • Wie sind nachbarschaftliche Zusammenhänge organisiert?

  • Was für Strukturen gibt es, die sorgearbeitenden Personen die Vereinbarkeit von Erwerbs und Sorgearbeit erleichtern oder erschweren können?


Diese konkreten Fragen und viele mehr, beschäftigen uns und sind Teil der Diskussion um eine geschlechtergerechtere / gendersensible Stadt oder auch eine sorgeorientierte Stadt.




Verschränkung der Arbeitsfelder: Zwischen Stadtforschung, Fotografie und meiner eigenen Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit


Die dokumentarische Familienfotografie und die Forschung zu sorgeorientierter Stadt überschneiden sich für mich inhaltliche in dem großen Thema Sorge bzw. Care. Hier geht es mir sowohl in Bezug auf Stadtforschung als auch in Bezug auf Fotografie um die Sichtbarkeit von Care und um mein Interesse am Alltäglichen. Aber hier gibt es einen Widerspruch, denn das Private und hier ganz klar gemeint, die private Carearbeit, ist etwas, was eben überwiegend Zuhause, also in den eigenen vier Wänden passiert und was immer noch wenig sichtbar und gesellschaftlich thematisiert ist (wobei sich da viel tut, denn wer kannte vor 2020 schon den Begriff Care?). Care wird vor allem Frauen und Müttern* zugeordnet. Auch wenn in manchen Bubbles über eine gerechtere Aufteilung von Sorgearbeit und Mental-Load nachgedacht wird, zeigt die statistische Datenlage weiterhin einen großen Gender-Care-Gap auf. Ich setze mich mit der Sichtbarkeit von Alltag und Care sowohl fotografisch als auch im Rahmen meiner Forschung auseinander. Das Private ist Politisch. Es geht mir darum, die Care-Arbeit, die privat in den Familien abläuft, sichtbarer zu machen und durch die Sichtbarkeit den Bedarf nach mehr Gendergerechtigkeit überhaupt erst zu thematisieren. 



Die Unsichtbarkeit von Sorgearbeit spiegelt sich auch in gebauter Umwelt wider. Deshalb ist es wichtig das Thema auch in Bezug auf Stadtplanung und Raumplanung zu diskutieren und mitzudenken, einerseits auf Ebene des Stadtteils, was zum Beispiel Wege und Verkehrsplanung oder Parks und Grünräume angeht, aber auch in Bezug auf die Wohnung und das direkte Wohnumfeld. Nur was sichtbarer ist, kann gesellschaftlich und politisch verhandelt werden. Mehr Sichtbarkeit für Sorgearbeit und Vereinbarkeit ist ein wichtiger Schritt zu mehr (Gender)Gerechtigkeit.Einen kleinen Beitrag möchte ich dazu mit meiner Arbeit auf der Schnittstelle von Stadtforschung und dokumentarischer Fotografie leisten.

 
 
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